
Integrales Bewusstsein I (Harmoniebringer)
1. Was meint integral?
Integral bedeutet ganzheitlich, holistisch – abgeleitet vom griechischen Wort holos (ganz), d.h. dass ein System – sei es ein Mensch, ein Öko-, Wirtschafts- oder Bildungssystem oder ein Unternehmen – nicht nur in seinen Einzelteilen, sondern als eine untrennbare Einheit betrachtet wird, weil alle Teile miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen. Voraussetzung dazu ist eine multiperspektivische Sicht, die Teile nicht isoliert betrachtet.
In einer integralen Bildung könnte Ganzheit bedeuten, alle 5 Kernkapazitäten mit einzubeziehen, zu fördern und zu entwickeln: das Spirituelle, Physische, Emotionale, Mentale und Kreative – sich also nicht bloss wie in unserer westlichen Gesellschaft auf das Mentale zu fokussieren, was eine erhebliche Unausgewogenheit zur Folge hat.
In einer integralen Medizin etwa wird der ganze Mensch (Körper, Seele, Geist und sein soziales Umfeld) betrachtet und die schulmedizinischen Methoden und Therapien werden mit komplementären und naturheilkundlichen Methoden und Therapien verbunden.
Das Integrale erkennt das dual/polar/gegensätzlich/widersprüchlich/paradox[1]/getrennt erscheinende Prinzip des Lebens von allem Geschaffenen[2] als Antrieb des Lebens sowie als Grundlage für ein bewusstes Lernen. Erst die gezielte Erfahrung dieses Dualismus sorgt für einen Bewusstheitsschub. Diesen Umstand erkannte bereits vor über Hundert Jahren die Zürcher Pädagogin Mimi Scheiblauer. 
Doch das Integrale kann Gegensätzliches nicht nur sehen und als Chance erkennen, sondern kann Widersprüchliches integrieren, Polares zusammenbringen, Duales wieder vereinen, Gegensätzliches verbinden und scheinbar Getrenntes zusammenfügen – und so ganze Systeme heilen.
Diese Integration ist deshalb möglich, weil die Persönlichkeit soweit ganz und gereift ist, dass sie keine Identifikationen/Anhaftungen mehr braucht, weder o mit Statussymbolen o mit Macht & Besitz o mit einer bestimmten politischen Ansicht/Partei o mit einer einzigen, wahren Religion oder Heilslehre o mit Werten einer Gesellschaftsklasse o mit einer Sportmannschaft o mit einer Philosophie/Weltsicht (auch nicht mit der Integralen!) o oder mit einer Entwicklungsebene in Spiral Dynamics… Sich nicht an Erwartungen, Meinungen, Ideen oder materielle Besitztümer, Orte oder an Menschen, Beziehungen, Identitäten oder Verhaltensmuster zu klammern und daran kleben zu bleiben, führt zum Zustand wahrer «innerer Freiheit» und seinem Zwillingsbruder, dem «inneren Frieden».
Dieses Integrieren resp. Wiederverbinden (re-ligio[3]) ist ein intensiver «innerer Weg» des persönlichen «inneren Wachstums» mit klarer «innerer Ausrichtung» und mit dem Fokus auf den Prozess und nicht auf das Ziel – oder in den bekannten Worten ausgedrückt: Der Weg ist das Ziel – ein lebenslanger Weg. Es ist eine bewusste «innere Entwicklung» aller 5 Kernkapazitäten, die alle Entwicklungsebenen (archaisches, magisches, kriegerisches, traditionelles, modernes und postmodernes Bewusstsein) mit ihren Licht- und Schattenseiten bewusst erkennen, zusammenbringen und situativ anwenden kann.
2. Der Übergang ins Integrale – von Grün zu Gelb & Türkis (Integral I & II)
Alle bisherigen Übergänge im Modell von Spiral Dynamics waren von Brüchen und Trennungen im «Entweder-oder-Mindset» geprägt, d.h. alles was auf einer Ebene vorher war, erscheint längst überholt und alles Neue wird als Hirngespinst bezeichnet und erscheint als Bedrohung des Status quo, der um jeden Preis erhalten und verteidigt werden muss.
Dieser Übergang hier ist jedoch viel komplexer: Auf dem Weg zu einer multiperspektivischen Sicht geschieht beim Übergang ins Integrale ein fundamentaler Bewusstheitssprungs in eine umfassende, ganzheitliche Sicht, die nicht mehr trennt (entweder-oder), sondern verbindet: sowohl-als-auch. Diese neue Perspektive hat sich vom linearen, bipolaren, wertenden, zweidimensionalen Denken in ein kreisförmiges, holistisches, räumliches, multipolares, nicht-wertendes, dreidimensionales Denken gewandelt. Es ist ein tiefer Umbruch, vergleichbar wie ihn die Maler des frühen 15. Jahrhunderts erlebten, als sie den Wechsel von der Bedeutungsperspektive zur Zentralperspektive vollzogen haben.
Dem integralen Bewusstsein I entspricht das mittlere Erwachsenenalter, in dem sich das Körperbild ein zweites Mal nach der Pubertät wandelt: Wechseljahre (Frauen) bzw. Klimakterium virile (Männer) sowie Midlife-Crisis. Diese Veränderungen werfen Fragen danach auf, was im Leben wirklich wichtig ist, was das persönliche Leben prägen sollte und – im Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit – worauf es sich letztlich zu konzentrieren lohnt. Der grundlegende Wertewandel führt zu einem erfüllten und verantwortungsvollen Leben zum Wohl des Ganzen, zur Pflege wertvoller Beziehungen und dem SEIN in der Gegenwart, im Hier und Jetzt, sowie zu Harmonie & Balance.
Menschen in Gelb erkennen «innere Programme» und Muster, d.h. sie können Zusammenhänge in Informationen oder Verhaltensweisen identifizieren, die auf den ersten Blick möglicherweise nicht offensichtlich sind. Es ist die Fähigkeit, eine zugrunde liegende Ordnung in scheinbar zufälligen oder komplexen Erscheinungen zu entdecken und wiederkehrende Dynamiken in persönlichen Beziehungen oder beruflichen Situationen zu verstehen.
Deshalb ist es für sie einfach, Modelle[4] wie Spiral Dynamics zu verstehen, die komplexe Zusammenhänge visualisieren, und darin Ebenen zu unterscheiden, sie einzuordnen und einzuschätzen.
Wir leben in der Polarität wie Tag und Nacht und müssen laufend bewerten und entscheiden – bis zu 20'000 Mal täglich, was meistens unbewusst, automatisch geschieht. Auch Bewertungen sind polar: es gibt das Urteilen, Verurteilen, Vorurteilen, Kritisieren und Bewerten im Sinne eines Werturteils (gut/böse, richtig/falsch…), von denen Gelb zunehmend Abstand nimmt, um einen wertfreien Raum zu schaffen, einen persönlichen, intimen Raum, ohne Angst, wo keine bewertenden Gedanken mehr sind und in dem Heilung geschehen kann.
Ganz anders verhält es sich mit dem Bewerten im Sinne von Einschätzen (passt/passt nicht – meist räumlich/zeitlich oder politisch), etwa wenn man vor dem Überqueren eines Fussgängerstreifens die Geschwindigkeit eines herannahenden Fahrzeugs bewerten muss, um zu entscheiden, ob man geht oder wartet. Oder bei einem Einstellungsgespräch wird die Einschätzung empathisch, ohne Werturteil, klug, taktvoll und wertschätzend ausfallen.
3. Der Prozess organischer Entfaltung und Entwicklung
Menschen in Gelb erkennen in allem den Prozess organischer Entfaltung und Entwicklung[5], vor allem die Möglichkeit des persönlichen, «inneren Wachstums». – Erstmals können sie alle vorgängigen Ebenen auf der Spirale ohne Werturteile sehen und akzeptieren – ihre Gaben (Leben, Verbundenheit, Kraft, Schönheit, Verständnis und Liebe zu bringen) als auch ihre Herausforderungen (überleben, bewahren, kämpfen, glauben, beweisen und retten zu müssen). und sie können jede Ebene situativ angemessen nutzen.
Wenn jedoch Wachstum grenzenlos wird, so erkennen sie auch die Schattenseiten von Wachstum; die Medizin nennt dies bei Zellen Krebs. So durchschauen sie auch das allgemeine Wachstums-Credo auf rein technisch-materiellen Fortschritt in Wirtschaft und Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur, das ihnen zu engsichtig und zu seelenlos erscheint und eine Zukunft im HABEN-Modus verspricht statt im SEIN-Modus – ein Umstand, den bereits 1976 der Sozialpsychologe Erich Fromm in seinem gesellschaftskritischen Werk Haben oder Sein beschrieb.
Im SEIN-Modus, dessen Ausrichtung immer zuerst nach innen und dann nach aussen geht, verbinden sich die Gaben aller bisherigen ebenen: Entwicklung aller 5 Kernkapazitäten Rückbindung/Wiederverbindung mit dem Ganzen (non-duale Verbundenheit) innere Freiheit spirituelle Praxis mit Ruhe/Stille, Meditation und Zentriertheit werturteilsfreie, nicht-anhaftende, prozessorientierte, multiperspektivische Sicht Kommunikation von Herz zu Herz.
Die Komplexität/Paradoxien des Lebens anerkennen und lernen sie zu gestalten und zu verbinden, nicht sie zu managen oder beherrschen oder gar Widersprüche auflösen zu wollen!
+ Fördernd sind o Integration von Gegensätzen o innere Ruhe/Stille o auf dem «inneren Weg» hin zur Transzendenz o eine non-duale Spiritualität: "Wäre die Welt perfekt, so wäre sie es nicht." (wie bei einem Zen-Koan) o zeigt neue Lösungsansätze wie im Film "Tomorrow" o universelle Prinzipien wie Gerechtigkeit, Toleranz und die Würde aller Menschen stehen im Zentrum
- Hindernd sind: o Gefahr von Isolation und Überheblichkeit: "Ich bin der Beste" o holistisches Blabla (man ist nur mental vermeintlich "ganzheitlich") o der Versuch vernünftig, reif und balanciert zu erscheinen o die Verbindung von Charisma und moralischer Wut kann eine mächtige negative Kraft sein, wenn sie nicht in Schach gehalten wird
Übergang Gelb à Türkis (zeitlich ab ca. 1990)
Zum ersten Mal ist dieser Übergang eine natürliche Weiterführung ohne Bruch mit Bisherigem, sondern eine Verfeinerung und Vertiefung des BewusstSEINs: noch ursprünglicher, verbundener, umsichtiger, feinfühliger, mitfühlender, sorgsamer und grossmütiger – und offen für das Nicht-Alltägliche, Transzendente.
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Urban
Spiral Dynamics - Integrales Bewusstsein I - als pdf